Helmut Wilhelm Quiring
1928–1997
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Dortmund, Nordrhein Westfalen, Deutschland
Dortmund, Nordrhein Westfalen, Deutschland
erlitten. Er lag ca. 2 Wochen im Krankenhaus und hatte sich den Umständen
entsprechend so weit regeneriert, daß er wieder Auto fahren kann und auch sonst
sehr bewußt am Leben teilnahm.
Mein Vater ist tot Morgens um 8.00 Uhr bekam ich einen Anruf meiner Schwester
Elke. Ich hatte die Nacht schon sehr unruhig geschlafen und dachte, während das
Telefon läutete, das hat nichts Gutes zu bedeuten. "Peter, Peter, komm ganz
schnell Der Vater ist tot!" Mir blieb das Herz stehen! Ich war völlig
verzweifelt, hilflos, entsetzt Das Erste, was ich machte, war Ralf anzurufen
und anschließend Jutta. Sie brachte mich dann auch zum Haus meiner Eltern. Als
ich dort ankam, verließ gerade der Krankenwagen das Grundstück. Ich fand meine
Mutti weinend und immer wieder die Frage stellend, "Ist er tot?" vor. Mein
Bruder Udo und meine Schwester Elke waren tief betroffen. Ich ging mit meinem
Bruder dann in das Sterbezimmer meines Vaters. Er lag da, mit einer Mullbinde
den Kiefer hochgebunden, das Ende zu einer Schleife oben auf dem Kopf verknotet.
Es war schrecklich Und er war so kalt! Mein Vater hatte immer warme weiche
Hände Ich gab ihm einen Kuß auf seine kalte Stirn, hielt seine Hand und
verabschiedete mich betend von ihm.
Stationen seines Lebens:
Helmut Quiring war ein leidenschaftlicher Leser. Er deckte sich manchmal mit
Büchern regelrecht ein. Und früher, als man Romane noch an den
Lottoannahmestellen leihen konnte, kam es vor, daß er sich noch dort, in dem
kleinen Laden, auf einem Hocker sitzend, vollkommen in einem Buch verlor. Ein
Buch konnte ihn fesseln, konnte ihn Zeit und Müdigkeit vergessen lassen. Bis in
die Nacht hinein lag er dann wach und fieberte über den bedruckten Seiten. Die
Zeit? Vergessen. Der Schlaf? Später. Er hat auch so gelebt Er hat das, was er
tat, auch so getan: Leidenschaftlich. Selbstvergessen. Mit ganzem Herzen.
Schon seine Jugend war von diesem markanten Wesenzug geprägt. 1928, am Ausgang
der , in Dortmund, in der Paulinenstraße geboren, ließ
sich der Junge von dem faszinieren und begeistern, was auch die meisten
Erwachsenen mitriß, die es vielleicht hätten besser wissen müssen: Von den
Werten und Zielen des Dritten Reiches. Als zarter, sensibler Junge wurde er
Pimpf in der HJ, und als Sechsehnjähriger Wehrmachtssoldat an der Front. Und als
er nach kurzer Kriegsgefangenschaft zurückkam, machte er die erschütternde
Erfahrung seiner ganzen Generation: Nicht nur die Heimat war in Trümmern, nicht
nur seine Stadt war zerstört, sondern auch die Hoffnungen und Träume einer
Jugend. Ist es ein Wunder, daß es den Männern dieser Generation schwerfiel, über
ihre Gefühle zu sprechen? Wenn sie lieber den Schmerz über ihre betrogene Jugend
vergessen wollten und sich dem Wiederaufbau widmeten? Das tat auch mein Vater.
Und er tat es mit der ihm eigenen Hingabefähigkeit. Anfang der vierziger Jahre
hatte er bei der Werksunion, den späteren Hoeschwerken, eine Lehre als
Maschinenschlosser gemacht. Nach der Kriegsgefangenschaft begann er in dem
gleichen Betrieb zu arbeiten und und blieb ihm sein ganzes langes Arbeitsleben
lang treu. Der Betrieb war sein zweites Zuhause. Auch Hoeschianer war er von
ganzem Herzen. Auch in seiner Arbeit war er leidenschaftlich, auch von ihr ließ
er sich fesseln. Er nahm zunächst zusätzliche Schichten an, um seiner Familie
die wirtschaftliche Grundlage zu sichern, er verschaffte sich Anerkennung und
Respekt, so daß er betriebsintern zum Meister befördert wurde. Er drückte als
Vierzigjähriger noch einmal die Schulbank, um auch vor der Industrie und
Handelskammer Dortmund seine Meisterprüfung abzulegen und so bei Hoesch den
Status eines Angestellten zu erlangen. "Wenn man etwas richtig anpackt, dann
schafft man es auch" - so sein Motto, "man muß es nur wollen, und dann in
Angriff nehmen und bis zum Ziel durchziehen." So wie man ein Buch in einer Nacht
durchliest. Und mit dieser Zielstrebigkeit und Gradlinigkeit hat er auch für die
Familie gesorgt. Was Vater für uns war, wird vielleicht am deutlichsten an einem
der Großprojekte seines Lebens: Er baute ein Haus. Aus eigener Kraft, mit seiner
Hände Arbeit schuf er buchstäblich ein Zuhause für uns. Dieser Bau hat ihn viel
Lebenskraft gekostet. Aber so wollte er das: Etwas schaffen aus eigener Kraft,
sein Herzblut geben, und dann sagen können: "Ich bin glücklich, daß ich das
geschafft habe."
hieß sein Spruch: Nicht lange fackeln, nicht viel diskutieren, die
Schüppe in die Hand nehemn und anfangen zu graben. Diese Entscheidung prägte
auch sein soziales Leben, die Art, wie er Mensch unter Menschen war - Mitmensch
eben Schon 1947 wurde er Mitglied der IG-Metall. Ein Mann wie er - gradlinig,
aufrichtig, hartnäckig - pflegte nicht mit seiner Meinung hinter dem Berg zu
halten. Ein Bekannter sagte von ihm: "Er fürchtete weder Tod noch Teufel, wenn
es darum ging, die Wege zu betreten, die er für die richtigen hielt und das Ziel
zu verfolgen, das er sich vorgenommen hat." Natürlich kann so ein Mensch gar
nicht pflegeleicht sein, natürlich wird er immer wieder unbequem. Mit dieser
zielstrebigen, unbequemen Art setzte er sich zum Beispiel als Mitvorsitzender
der Elternpflegschaft der Volksschule dafür ein, daß aus der evangelischen
Siemensschule und der katholischen St. Anna-Schule, die damals unter einem Dach,
in einem Haus, getrennt arbeiteten, eine überkonfessionelle Schule wurde.
Und diese unbequeme, zielstrebige Art war wohl auch die Voraussetzung, um in
einem weiteren Großprojekt seines Lebens zum Erfolg zu kommen. Vater war erster
Vorsitzender der Siedlergemeinschaft Dorstfeld-Süd. Und als sich in den
achtziger Jahren, nach dem Bau der Siedlung, herausstellte, daß der Baugrund,
auf dem die Häuser errichtet wurden, verseucht war, ließ der leidenschaftliche
Mann seinen Protest bis in die höchsten politischen Ebenen laut werden. Auf
einer denkwürdigen SPD-Versammlung, an der auch der damalige Parteivorsitzende
Willy Brand teilnahm, meldete sich Vater zu Wort. Der Bundestagsabgeordnete des
SPD-Wahlkreises wollte ihn zurückpfeifen, und Willy Brand sagte:"Laß diesen Mann
reden" Vielleicht hatte er ja gespürt, daß sich hier einer zu Wort meldet, der
sich nicht so ohne weiteres zurückpfeifen läßt. In einem anschließenden
Privatgespräch sicherte Willy Brand gegenüber meinem Vater seine Hilfe für die
Siedlergemeinschaft zu. Die Stadt zahlte Entschädigungen, die besonders
betroffenen Bewohner der Kernsiedlung konnten ihre Häuser an die Stadt
zurückverkaufen und mit dem Geld eine neue Existenz aufbauen. Damals ist Vater
in die SPD eingetreten. Er hat diesen Erfolg nie an die große Glocke gehängt.
Vielleicht hat er im Stillen ähnlich gedacht wie nach dem Hausbau: "Ich bin
glücklich, daß ich es geschafft habe" Das war Vater. Auch wenn Vater Karten
spielte, war er mit ganzem Herzen dabei. Er war ein leidenschaftlicher
Kartenspieler und hat der Mutti einmal gestanden, daß er jeden Tag Karten
spielen könnte.
Über einem Buch, am Arbeitsplatz, beim Hausbau, bei der Versorgung der Familie,
in der Verantwortung als Bürger, beim Spiel - was er tat, tat er mit
Leidenschaft, selbstvergessen und mit ganzem Herzen. So war Vater. Sein
Lebenskreis schloß sich am 28. Januar. Bezeichnenderweise litt er an dem Organ,
dessen ungeteilte, leidenschaftliche Kraft er Zeit seines Lebens in alles
investierte, was er tat - an seinem Herzen. Montags saß er noch mit uns zusammen
beim Grünkohlessen, spielte Skat und abends ging er zu Bett, um nicht mehr
aufzuwachen. Wie ein Mann nach einem langen Arbeitstag.
Eltern
Geschwister
Ehe und Kinder
Getraut am 6. Oktober 1952 in Dortmund, Nordrhein Westfalen, Deutschland
- Ehepartner Ilse Brinkhoff 1931–2012 Dortmund
- Kind Elke Hedwig Lisbeth Quiring um 1958
- Kind Peter Quiring um 1958
- Kind Udo Hans Quiring um 1958
Orte
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